..und dann saß ich da auf dem Boden, ich habe einen schwarzen langen Rock getragen, ein schwarzes langes Oberteil und dieses rostrote Kopftuch. Es hatte 30 Grad und tropische Luftfeuchtigkeit. Ich saß da zwischen mindestens 50 Frauen, alle mit Kopftuch. Ich war mit meiner Tante die einzige Weiße im ganzen Viertel. Ich war da auf einer Hochzeit, irgendeine Verwandte meines Onkels hat geheiratet. Das Viertel wo ich war, wo ich auf dem Boden saß, war eins der Viertel, in die man die typischen Wellnesstouristen Zanzibars, einer Insel vor Tansania im indischen Ozean normalerweise nicht lässt. Das ist eines dieser Viertel in dem die Menschen kaum genug zum leben haben, in einem Raum schlafen, auf Holzkohle kochen.. wie man das halt so aus dem Fernsehen kennt. Die Cholera war ausgebrochen, nach der Regenzeit passiert sowas leicht, deshalb war das auch eine Hochzeit ohne Essen.

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Was das jetzt mit dem Titel zu tun hat? Ich will mich jetzt nicht weiter über das Leben in diesem Viertel auslassen, über ihre Religion, die Rolle der Frau, ihre Weltanschauung, mir ist in diesem Moment nur etwas unglaubliches passiert:

Ich saß da also und plötzlich überkam mich eine unfassbare, unbeschreibliche Dankbarkeit.  Ich war einfach glücklich, ich war so unheimlich erfüllt von dieser Dankbarkeit, die ich jetzt 1 1/2 Jahre später kaum noch greifen kann. Alle tanzten und lachten um mich herum. Ich saß da zwischen Menschen, die so viel weniger hatten als ich und war so erfüllt von diesem einfachen Sein im Jetzt,von diesem einfachen genießen des Moments.

Ich habe 1 Jahr und 3 Monate in Ländern gewohnt, umgeben von Menschen die weit weniger als ich haben. Ich habe ein Jahr in einem Viertel gewohnt, vor dem der Reiseführer ausdrücklich warnt. Ich bin mit dem Sound von Schießereien 3 Blöcke weiter eingeschlafen, bin ein Jahr lang von 20 Straßenhunden verfolgt zur Arbeit marschiert, hab verschimmelte Zähne, unterirdisch schlechte Schulsysteme ( von den Gesundheitssystemen ganz zu schweigen ) gesehen, hab mit 18 Jährigen Müttern geredet, die 9€ Kindergeld bekommen, habe Frauen kennengelernt, die sich weit über beide Ohren verschuldet haben, nur um eine berufliche Weiterbildung wahrzunehmen, Frauen die noch nie mehr als ihre Heimatstadt gesehen haben, um ihren Kindern eine halbwegs annehmbare Schuldbildung zu ermöglichen. 3 Monate bin ich an Lehmhütten vorbeigejoggt, habe erfahren was die Cholera macht, wenn man kein funktionierendes Klärsystem hat, wie der Glaube manipulieren kann, wenn man keine ausreichende Schulbildung genießen konnte.

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Das Ding ist, ich will hier jetzt keine Moralpredigt halten. Aber wie kann es sein, dass ich umgeben von solchen Schicksalen weit glücklicher war als ich es in Deutschland bin?

Ich hatte ein Tief dieses Jahr, was mit der Zeitumstellung kam. Das war ein unheimlich schwarzes Loch, in das ich gefallen bin. Das kam aus dem Nichts, hatte mich von hinten überfallen und machte Alles grau und farblos.  Ich hab das erst, seit ich so viel Reise und ich glaub, dass die meisten, die mal ein oder mehrere Jahr wo anders gewohnt haben, das kennen. Es ist der ungesunde Abstand zu dieser puren, einfachen Lebenslust der Menschen in solchen Ländern. Der Abstand zur Einfachheit, der Abstand zur unperfekten Perfektheit. Als ich dieses Loch hatte, war ich überrumpelt, ich wusste gar nicht was geschieht, wusste nicht warum ich gerade so bin und was es mit meinem alten Ich gemacht hatte. Meine Beste Freundin wusste es zum Glück. Es war der krankhafte Drang zur deutschen Perfektion, der Drang alles jedem und allen Recht zu machen, der Drang nicht zu versagen, der Druck nicht zu versagen. Ich habe vergessen, was ich mir selbst vor 2 Jahren für die Ewigkeit auf die Haut geschrieben habe: “ das Geheimnis ist immer die Liebe“. Denn Freude und Glück findet man in Dankbarkeit, in Liebe zu sich selbst, für das Leben und Liebe für die Zufriedene Einfachheit des Lebens. Genau das, was diese Menschen, die doch so wenig materielles haben, perfektioniert haben.

Ich habe dann überlegt, habe überlegt, warum ich so viel gelacht habe im Ausland, warum ich so zufrieden war, warum ich glücklich war, overloaded an gratitude wenn man es im instagramstyle ausdrücken will.

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Und dann hab ich mir Bilder angeschaut: ich, glücklich mitten in der Pampa, ich glücklich mit Kopftuch zwischen Frauen, deren Sprache ich nicht mal verstehe, ich glücklich nachts um halb 2 an einem sau gefährlichen chilenischen Busbahnhof ganz alleine, ich glücklich mit Musik, ich glücklich beim Essen, ich glücklich während ich freiwillig Physik lerne, ich glücklich, obwohl der Bus 3 Stunden zu spät fährt. Die einfache Erklärung, ich war in diesen Momenten so unheimlich Dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht habe, für die Herausforderungen, für die einzigartigen Momente die mir das Leben geschenkt hat.

Und es hat auch damals alles irgendwie funktioniert. Irgendwie hat dann doch alles geklappt, ein netter Busfahrer hat mich illegal in seiner Fahrerkabine mitgenommen, dass ich meinen Flieger am nächsten Tag bekomme, der kaputte Motor am Bus wurde nach 3 Stunden mit Tesa oder so repariert..

Warum ich das jetzt erzähle,  das Ding mit dem Glücklich sein ist simpel die einfach Dankbarkeit für das was wir haben. Das sind kleine Dinge, die dich glücklich machen können, wie zum Beispiel ein Lied, ein Bild, ein Video, eine lustige Erinnerung, eine Nachricht, ein Brief, eine Karte. Wir vergessen oft in Ländern, in denen wir alles kaufen können, das wir psychische Zufriedenheit nicht kaufen können. Mit der Dankbarkeit kommt das Glück und anders rum.

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Was habe ich also gegen mein Novembertief gemacht? Ich habe eine wunderbare Nachricht, von einem wundervollen Menschen bekommen, habe eine Stunde zu guter Musik getanzt, bin mit Freunden spät ins Kino und tanzen gegangen, habe die Musik gehört, die mich zu Freudentränen bringt, habe angefangen morgens früher aufzustehen um einen wunderbaren Kaffee zu genießen, habe mir alte Blogbeiträge und Briefe durchgelesen, die ich im Ausland geschrieben habe, habe angefangen, den Menschen die mir wichtig sind, zu sagen, wie dankbar ich für sie bin, habe Gefühle zugelassen, für die ich sonst eine Mauer baue…

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Das ist ein langer Weg, und ich habe noch sehr viele Steinige Hügel vor mir um wirklich wieder zu dieser einfachen puren Dankbarkeit zu gelangen, die mich damals so erfüllt hat und auch hoffentlich darüber hinaus . Nur ist da jetzt die Adventszeit nicht die perfekte Zeit für? Ist es nicht Zeit und Liebe, das was sich unsere Liebsten wünschen, in einer Welt in der jeder doch eh schon alles hat. Just sayin´.

 

In diesem Sinne, habt einen wundervolle Zeit! Ich freue mich über Kommentare, Geschichten und Inspirationen natürlich sehr.

 

Posted by:franzi slows down

Textile Engineering and Sustainable Blogging with focus on slow fashion

3 Antworten auf „Das Ding mit dem glücklich sein und der Dankbarkeit

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