* Achtung der Beitrag hat die Länge einer Tasse Tee/ Matcha Latte/ Cappucchino/ Kaffee *

Auf meinem Heimweg von der Messe Fair Handeln in Stuttgart sitze ich ausgesprochen euphorisch vor meinem Laptop. Ich will nicht leugnen, dass mich das ganze Nachhaltigkeits Thema im Textilen Bereich sehr oft frustriert stimmt. Für mich ist fair und slow fashion nicht nur ein bisschen Blog und Social Media, das ist später mal mein Job – also die Textilbranche. Ich werde zu der Person ausgebildet, die später mal in den höheren Ebenen der Branche sitzen soll (glaubt man dem Hochschulmarketing ) und so nicht nur passiv sondern auch aktiv Einfluss hat. Bei den Wurzeln kann ich sie packen die Branche, war mein naiver Grundgedanke. Die Macht schlecht hin was zu verändern hab ich also – denkt man. Aber genau diese Macht macht einen so Machtlos, wenn man nicht mit schwimmt, nicht die großen Industriegiganten auf seinem Lebenslauf haben will und aktiv von seiner vermeintlichen Macht Gebrauch machen will.

Das fängt bei frustrierenden Diskussionen mit alteingesessenen Professoren an, die nichts an der Art des Inhalts ändern wollen, den sie vermitteln, bis zu Stories, dass die Stadt Stuttgart dem Primark im Monat mehrere 10 tausend € Miete erlässt um den stationären Handel in der Königsstraße zu stärken und Nachhaltige Entwicklung in Form von Start Ups weitgehend ignoriert. Und hey wir sprechen hier von dem Bundesland, in dem noch die meiste Textilindustrie angesiedelt ist, und man sich tatsächlich rein wirtschaftlich gesehen, Zukunftsgedanken machen sollte ( und da schlägt man bei einem irischen Konsumgiganten wohl die falsche Richtung ein).

Wie soll man denn da überhaupt nachhaltig was erreichen können, denk ich mir nicht selten, erstickt von der Kraft einer Branche, die jede 6. Person weltweit beschäftigt und genüsslich natürliche und soziale Ressourcen  bis auf den letzten Tropfen aufbraucht.

Mit diesem Tief bin ich auf die Fair Handeln gefahren. Eine Messe in Stuttgart zum Fairen Handel eben und ganz neu dabei : die Future Fashion Baden-Württemberg (Wer genau das ist und was die noch so machen findet ihr auf der verlinkten Website).

Die organisieren seit neuestem einen textilen Part im Rahmen der Fair Handeln, bestehend aus einigen Ständen Fair Fashion Klischee pur. Das Bunte Haremshosen – Stricksocken Vorurteil hat sich hier zu 90% erfüllt – und das ist auch ok, auch der alte ursprüngliche Teil der fair fashion Szene hat definitiv seine Daseinsberechtigung. Nur wenn man sich jeden Tag der Woche darüber Gedanken macht, wie man Fair fashion zu einer sozialen Norm erheben kann und dann auf einer Messe zwischen bunten Mustern und peinlichen Schnitten steht, ist das nicht gerade ein Motivationsschub.

Warum bin ich dann aber so euphorisch, happy und auch motiviert irgendwie? Das hat mal wieder mit den Menschen zu tun, denen ich begegnet bin. Ich habe Freitag mit vielen tollen und inspirierenden Bloggerinnen und Unternehmerinnen Impulsvorträge halten dürfen ( Hier findet ihr alle Speaker/Speakerinnen ). Samstag fand dann noch eine Podiumsdiskussion zum Thema Konsum und Glück statt. Wieder mit ganz vielen guten und inspirierenden Gedanken, bei der ich auch mitwirken durfte. All die Gespräche, Talks und Begegnungen haben mir gezeigt, dass es da ganz viele tolle Menschen gibt, die an meiner Seite stehen und die auch was verändern wollen. Ich liebe diesen Community Rausch – das ist wie ein ultra starker ( natürlich veganer ) Proteinshake, der mich wieder in Balance bringt und mir zeigt, dass es da doch starke inspirierende Menschen gibt, die genau wie ich, eine Revolution wollen – eine fashion revolution eben.

Am Freitag habe ich 10 Minuten über Capsule Wardrobe sprechen dürfen – da ich gemerkt habe, dass es doch einige interessierte Gesichter im Publikum gab, dachte ich mir, meine Worte irgendwie in Schriftform für euch noch mal zu wiederholen. 

Capsule Wardrobe – dieses Wort verbinden wir meist mit diesen Collagen auf Pinterest, oder minimalistischen Kleiderstangen auf Instagram – gedeckte Farbpalette, klassische Schnitte, zeitlose Teile und das irgendwie nur maximal 30 Stück davon. Das ist die Capsule Wardrobe auf social media, und der ein oder andere wird genau diese Capsule Wardrobe auch besitzen ( Use Less zum Beispiel ).

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Aber mal ganz im Ernst: Statistiken besagen, dass der Durchschnitt in Deutschland 80-113 Kleidungsstücke besitzt. Also wird es sehr wenige Menschen geben, die das social Media Capsule Wardrobe Bild erfüllen und leben. Und jetzt stehen wir da, mit unseren 80+ Teilen und sprechen von Minimalismus und Weniger ist Mehr. Das Ding ist, dass wir Capsule Wardrobe erst mal für die breite Masse definieren müssen, denn nicht jeder steht auf monochrome Farbpaletten und V-Ausschnitt. Und es wäre ja schlimm wenn alle Menschen nur noch den gleichen Minimalistischen Kleiderschrank hätten – Mode ist dank Fast Fashion Trends schon Uniform genug geworden. Bei diesem Thema geht es eigentlich um das Stichwort „Back to the Basics“, also das was die Menschen früher immer gemacht haben. Qualität statt Quantität, nur Kleidung, die einem genau und gut passt und eine angemessene Wertschätzung erfährt. Eine Capsule eben, die den steten Kern unseres Kleiderschrankes bestimmt. Aber wie kommen wir da jetzt hin? Wie kommen wir weg von 80+ Teilen die einem zur Hälfte nur so Semi gefallen und eigentlich auch nur so halbwegs stehen. Wie erlangen wir diese verlorene Wertschätzung wieder und wo zum Herren finden wir diese Farbpalette, die uns steht?

So und jetzt sind wir bei Part 2 angelangt: Personal Story Telling. Ich habe gelernt, dass es immer am besten ankommt, wenn man persönliche Stories zum Besten gibt. Ich habe die 4 Steps raus gehauen, wie ich das mit der Capsule Wardrobe angehe und wie ich glaube, dass die breite Masse es auch schafft ein bisschen mehr in die  Kapsel Mood zu kommen.

Step 1: Erkennen, dass man zu viel besitzt.

Ich gehört lange auch zu diesen Teenies mit braunen Primark Tüten im Zug und habe zu oft mein hart verdientes Taschengeld in non sense discounter Klamotten gesteckt. Im ersten Semester international fashion retail ( mein erstes Studium, was ich dann abgebrochen habe – Q&A Richtung Studium an der Hochschule Reutlingen gefällig? Schreibt es in die Kommentare!) habe ich im Outlet in Metzingen gearbeitet und war wöchentlich von Konsumgeiern des Todes umgeben ( wart ihr schon mal nach den Weihnachtsfeiertagen im Outlet? – Ich rats euch, tut das nicht! ).

Mit der Erkenntnis, dass die Textilbranche eigentlich ziemlich scheiße ist kam auch langsam die Erkenntnis, dass Konsum ziemlich scheiße ist! Und dann hatte ich einen dieser Schlüsselmomente, die ich auch gerne als Step 1 zu einer Capsule Wardrobe bezeichne. Ich stand vor meinem Kleiderschrank und hab mich aus tiefstem Herzen geschämt. Geschämt für die Menge an Kleidung, die ich besitze und trotzdem noch das Gefühl habe, morgens nichts zum anziehen zu haben. Ich war erschlagen von dem was ich da vor mir hatte und habe wirklich das dringende Bedürfnis gehabt, plötzlich ganz schnell all den Scheiß loswerden zu wollen. Und das ist so wichtig, denn wenn ihr nicht wirklich checkt, dass ihr zu viel habt, dann werdet ihr immer Opfer von roten Sale Schildchen sein.

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Tag 10 meiner 10×10 Challenge

Step 2: Was steht mir eigentlich?

Als ich gecheckt habe, dass ich viel zu viel habe, kam die zweite Frage, die sich mir stellte. Trage ich diese Teile eigentlich, weil sie mir stehen und ich mich wohlfühle oder weil Glamour, Vogue und InStyle sagen, dass sie mir stehen sollen? Ich hatte bis zu diesem Tag zwar immer eine Tendenz zu Dingen die mir gefielen, aber wirklich einen eigenen Stil hatte ich nicht. Also war Schritt zwei erst mal versuchen, mit dem zu arbeiten, was ich schon habe. Und das hat lange gedauert. Ich bin selbst jetzt noch am ausprobieren, und habe auch immer noch Momente, in denen ich abdrifte und doch versuche Trends nachzustylen, die mir so gar nicht gut tun. Was sich aber langsam und sicher entwickelt hat war eine Farbpalette, die mir steht und gefällt, Schnitte in denen ich mich wohlfühle und Teile die ich wirklich trage und Teile die ich lieber an eine treuere Besitzerin abgebe! ( Das HIER ist btw mein Kleiderkreisel Account ) Das Ganze braucht, je nachdem wie Stil sicher ihr seid, Zeit! Probiert euch aus, macht eine 10X10 challenge oder versucht eine Woche lang ein Teil jeden Tag anders zu kombinieren!

Ohne diesen Step geht nichts logischerweise – denn eine Capsule Wardrobe sollte ja genau die Teile beinhalten, die ihr zu 100% tragen wollt.

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Tag 10 meiner 10×10 Challenge

 

Step 3: Konsumcredos oder so ähnlich  

Ich bin ein Freund von Regeln. Wenn ich Regeln in meinem Kopf habe, die ich auch zu 100% unterstützen kann, dann halt ich mich dran. Meine Regel, die ich mir auferlegt habe, kennt der ein oder andere vielleicht schon “ Ich kaufe nur dann, wenn was altes kaputt geht oder ich es verkauft/ verschenkt habe. Wenn ich kaufe dann fair oder (primär) second Hand. “ 

Das klingt jetzt erst mal nicht nach Minimalismus und plötzlich weniger Kleidung ABER

  1. für mich war es eine Art Selbsterziehung, ich wollte mir selbst beibringe, zu sehen, wie lange ich meine Textilien eigentlich tragen kann! Dass mein weißes T-Shirt länger als 2 Jahre tragbar ist und dass ich wahrscheinlich erst mal 10 Jahre brauch um alles abzutragen was ich da im Schrank hängen habe ( bis auf Jeans – das Scheuer Problem im Schritt kennt wahrscheinlich jeder Fahrradfahrer 😀 ).
  2. Solche Regelwerke halten einen unheimlich elegant von Sales und Spontankäufen ab. Klingt jetzt erst mal doof und nach Spielverderber, aber ihr glaubt gar nicht wie befreiend es ist, mal elegant alle Zeit, die man früher für Shoppen und Sale Suchereien im Netz, in Kaffee trinken gehen investieren kann! Ach ja: meinen Freund mach ich auch jedes mal glücklich, wenn wir entspannt durch die Stadt schlendern und er kein einziges Geschäft von innen sehen muss

 

Step 4 : ZEIT

So jetzt habt ihr eure Farbpalette, euren Stil und ein Konsumcredo. Jetzt gebt dem ganzen Zeit! Das ist ein Prozess. Dieser Prozess hat zum Ziel, die Wertschätzung für eure Kleidung wieder zu erlangen, bewusst einzukaufen und euren Konsum zu hinterfragen.

Ich halte es übrigens für sehr sinnvoll, nicht gleich alles zu verkaufen, sondern erst mal mit all den Teilen zu arbeiten! Denn eure 80+ Teile sind ein unheimlich praktischer Übungsplatz und parallel hilft er euch zu realisieren, wie lange eure Textilien eigentlich halten! Alles was euch dann echt nicht gefällt und ihr auch in der „Übungsphase“ nie getragen habt, kann dann weg!

Irgendwann kauft ihr dann automatisch weniger – das verspreche ich euch. Und Minimalismus wird plötzlich normal.

Was da mit euch passiert, ist, dass ihr die Wertschätzung und emotionale Bindung zu jedem einzelnen Stück an eurer Kleiderstange wieder findet ! Ihr fangt an zu denken, bevor ihr kauft und Wertzuschätzen was ihr an den einzelnen Teilen habt. Ihr wisst plötzlich, was alles im Schrank hängt und der “ ich hab nichts zum anziehen“ Moment ist auch verschwunden. Und dann sind wir wieder bei meiner Definition “ Qualität statt Quantität, nur Kleidung, die einem genau und gut passt und eine angemessene Wertschätzung erfährt.“ Ihr müsst jetzt nicht unbedingt das Ganze auf 30 Teile runterbrechen, vielleicht habt ihr auch eine Capsule Wardrobe aus 50 Teilen oder 80 – das Wichtigste ist doch, dass wenn ihr was kauft, ihr es dann mit dem Gedanken kauft, es solange zu tragen, bis es nur noch als Putzlappen funktionieren kann. Dass, wenn ihr was kauft, überlegt, ob es mindestens mit 50% des Rests kombinierbar ist und dass wenn ihr was kauft, es zu 100% nicht bereuen werdet!

Posted by:franzi slows down

Textile Engineering and Sustainable Blogging with focus on slow fashion

9 Antworten auf „Das mit der Capsule Wardrobe – mein future fashion Impuls in Schriftform + 10×10: Day 10

  1. Ein super schöner und wichtiger Beitrag. Seitdem ich bei dir die Capsule Wardrobe Challenge gesehen habe, überlege ich auch, darüber mal einen Post zu schreiben. Also danke für die Inspo! 🙂
    Liebst, Bina von stryleTZ

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  2. Liebe Franzi,
    dein Beitrag ist wirklich wunderbar! 👍🏼
    Ich habe zwar schon meine Capsule Wardrobe gefunden, aber weiß genau, wie lange so ein Prozess dauern kann. Man braucht Geduld, ja. Aber die Geduld zählt sich meiner Meinung nach aus. 🙏🏼

    Liebe Grüße
    Laura

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