Das mit Fairtrade, das hat mich schon länger beschäftigt. Ich bin ja sehr kritisch was diese ganze Siegelwirtschaft angeht. Sowohl dem Siegeln an sich gegenüber, als auch kritisch dem Konsumenten, der mit Siegeln sein Gewissen beruhigt und eigentlich keinen Plan hat was das Siegel jetzt genau aussagt.

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Das shirt ist von 3 Freunde bedruckt und fairtrade cotton zertifiziert

Als Fairtrade mit mir in Kontakt getreten ist, war ich unheimlich dankbar, dass meine Anfrage für ein Interview auf offenen Ohren stieß und  der Vorstandvorsitzender Dieter Overath meine Fragen beantwortet hat.

VORHANG AUF 

  1. In letzter Zeit kam sehr viel Kritik zum Fairtrade-Siegel auf, unter anderem, dass das Siegel weitgehend an den wirklich Bedürftigen vorbeigeht. Vor allem ein Punkt: Hohe Kosten um das Siegel überhaupt zu bekommen. Auch bei anderen Siegeln wie dem GOTS oder Öko Tex Standard kommen Kosten auf, die viele Produzenten nicht tragen können. Sehen Sie es als Aufgabe der Politik hier bspw. eine „Siegel-Subvention“ einzuführen um den nachhaltigen Anbau und die Transparenz auch in Kleinbetrieben zu ermöglichen bzw. wie kann man so einer Problematik begegnen?

Antwort:  Studien haben immer wieder belegt, dass Fairtrade wirkt, wenn bestimmte Voraussetzungen vorhanden sind. Genau daraufhin ist der Fairtrade-Beratungsdienst aktiv. Auch die Kritik an zu hohen Zertifizierungskosten möchte ich so nicht stehen lassen. Sie variieren je nach Größe der Organisation, Anzahl der Beschäftigten und Menge der Produkte. Vergleicht man die Zertifizierungskosten mit der Gesamtsumme an Fairtrade-Prämieneinnahmen liegt der Anteil der Zertifizierungskosten im Durchschnitt bei 2,8 Prozent, also durchaus bezahlbar.

Nichtsdestotrotz sind Fairtrade-Produkte meist teurer als konventionelle Produkte, da sich die Preise an den Kosten einer nachhaltigen Produktion orientieren, darin sind schon viele soziale und ökologische kosten abgedeckt, die bei konventioneller Produktion externalisiert werden. Hier sehen wir es als Aufgabe der Politik an, ihrer Sorgfaltspflicht gegenüber den Menschen und der Erde wahrzunehmen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die die nachhaltigen Ansätze unterstützen.

  1. Wie hoch muss der Anteil an fair gehandelter Baumwolle sein um das Siegel zu erlangen? Wird ein „Mengenausgleich“ auf dem Label gekennzeichnet?

Antwort: Bei einem Kleidungsstück, das mit dem Fairtrade-Baumwoll-Siegel ausgelobt wird, ist kein Mengenausgleich erlaubt. Es sollte idealerweise 100 Prozent Fairtrade-Baumwolle enthalten, zum Beispiel ein T-Shirt. Die Mindest-Baumwollanteile sind allerdings für verschiedene Kleidungsstücke individuell definiert, um den Anforderungen an Kleidung entgegenzukommen. Zum Beispiel muss Berufsbekleidung belastbarer sein als ein weißes T-Shirt aus dem Einzelhandel, weshalb in der Berufsbekleidung viel mit Polyester und eher weniger mit Baumwolle gearbeitet wird – aus diesem Grund liegt der Fairtrade-Baumwoll-Mindestanteil für normale Kleidung bei 50 Prozent und bei Berufsbekleidung bei 30 Prozent. Dieser Baumwollanteil muss dann zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

 

Unter dem Fairtrade-Baumwollprogramm wird ein Mengenausgleich zugelassen. Dieses Label unterscheidet sich allerdings optisch von dem Fairtrade-Baumwoll-Siegel, unter dem die Fairtrade-Baumwolle zu 100% physisch rückverfolgbar sein muss. (Die Siegel sind hier abgebildet).

 

  1. Bezieht sich das Label nur auf die Humanökologie oder auch auf die Produktionsökologie?

Das Fairtrade-Siegel ist in erster Linie ein Sozialsiegel und zielt darauf ab, die Handelsbedingungen für Produzentinnen und Produzenten zu verbessern. Fairtrade will es Produzentinnen und Produzenten aus Afrika, Asien und Lateinamerika ermöglichen, zu einer einflussreichen Kraft für Veränderungen in ihrem Umfeld zu werden und selbstbestimmt ihre Zukunft zu gestalten.

Dennoch wird mit zahlreichen Umweltkriterien in den Fairtrade-Standards das Ziel verfolgt, sämtliche landwirtschaftlichen Fairtrade-Produkte ressourcenschonend und umweltverträglich anzubauen.  Somit misst Fairtrade im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung umweltverträglichen Produktionsweisen und ökologischem Anbau eine wichtige Bedeutung zu. Beispielsweise sind ca. ein Drittel der Kriterien im Standard für kleinbäuerliche Produzentenorganisationen Umweltkriterien.

 

  1. Sie schreiben, dass das Siegel für die gesamte textile Lieferkette vergeben wird. Kann es dann auch sein, dass meine Baumwolle Fairtrade ist aber die Färberei konventionell arbeitet oder muss wirklich die ganze Lieferkette nach diesem Standard arbeiten?

Antwort: Fairtrade arbeitet im Textilbereich mit zwei Standards: Dem Fairtrade-Standard für Baumwolle und dem Fairtrade-Textilstandard mit dem zugehörigen Textil-Programm. Jeder Standard wird mit unterschiedlichen Siegeln am Produkt ausgelobt. Daher muss bei dieser Frage unterschieden werden, auf welchen Standard sie sich bezieht.

Der Fairtrade-Standard für Baumwolle wurde 2005 entwickelt. Textilien, die mit Fairtrade-zertifizierter Baumwolle hergestellt wurden, tragen das Fairtrade-Siegel für Baumwolle. Es zeichnet also Rohbaumwolle aus, die fair angebaut und gehandelt wurde. Kleinbäuerinnen und -bauern, die ihre Baumwolle gemäß dem Baumwollstandard anbauen und verkaufen, sind Teil einer Fairtrade-Produzentenkooperative und bekommen für ihre Baumwolle den Fairtrade-Mindestpreis ausgezahlt. Zusätzlich zum Verkaufspreis erhalten Baumwollproduzenten und -produzentinnen eine Fairtrade-Prämie für Projekte, die der Gemeinschaft zugutekommen. Somit unterstützt Fairtrade mit diesem Standard Baumwollbäuerinnen und -bauern darin, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen im Baumwollanbau zu verbessern. Von alle Beteiligten der weiteren Lieferkette wird ein Nachweis über die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen verlangt. Das gilt für alle Schritte der Weiterverarbeitung wie Entkernung, Spinnen, Färben, Stricken, Weben, Konfektionieren.
Der Fairtrade-Textilstandard wurde im Jahr 2016 eingeführt. Mit dem Baumwollstandard und dem Textilstandard in Kombination ist es möglich, die Produktion in der gesamten Textillieferkette unter Fairtrade-Bedingungen zu zertifizieren – vom Baumwollfeld über die Entkörnung, das Spinnen der Fasern, das Weben und Stricken der Stoffe, die Veredelung bis hin zur Konfektionierung des fertigen Kleidungsstücks. Der Standard zielt darauf ab, Arbeiterinnen und Arbeiter in den Textil verarbeitenden Unternehmen zu stärken. Kernpunkt ist, dass die Unternehmen innerhalb von maximal sechs Jahren existenzsichernde Löhne einführen. Aktuell gibt es noch keine Textilie auf dem Markt, die nach dem Fairtrade-Textilstandard zertifiziert wurde.

 

In den konventionellen Textilfabriken bestehen derart große Herausforderungen, dass der Textil-Standard nicht ad hoc umgesetzt werden kann. Daher hat Fairtrade zusammen mit dem Textilstand das sogenannte Fairtrade-Textilprogramm entwickelt, mit dem Schritt für Schritt Verbesserungen vor Ort realisiert werden, so dass der Textilstandard überhaupt erst Anwendung finden kann.

 

Fairtrade-Baumwollstandard: https://www.fairtrade-deutschland.de/produkte-de/baumwolle/hintergrund-fairtrade-baumwolle.html

Fairtrade-Textilstandard und Fairtrade-Textilprogramm: www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-standards/fairtrade-textilstandard-und-textilprogramm.html

 

  1. Wie wird die Rückverfolgbarkeit mit der Problematik mehrerer Subunternehmen unter einen Hut gebracht?

Fairtrade-Praxis ist es, dass die Produkte, die das Fairtrade-Siegel tragen, mit Fairtrade-Inhaltsstoffen aus Fairtrade-zertifizierten Betrieben hergestellt sind. Die unabhängige Kontrolle durch FLOCERT prüft den Waren- und Geldfluss über die ganze Lieferkette hinweg. Subunternehmen werden in der Regel über ihren Auftraggeber mitzertifiziert. In dem Rahmen müssen sie allerdings die Kriterien für Subunternehmer einhalten und werden danach auditiert. Dazu gehört auch, dass sie einen Sozialindikator vorlegen müssen, der von FLOCERT geprüft werden, um zu demonstrieren, dass die ILO-Kernarbeitsnormen eingehalten werden.

Die FLOCERT GmbH führt als unabhängige Zertifizierungsorganisation strenge Überprüfungen der Dokumente durch, um sicherzustellen, dass die äquivalente Menge von Fairtrade‐Rohstoffen gekauft und verkauft wurde und verfolgt auf diese Weise die Menge durch die gesamte Lieferkette hindurch. Textilprodukte mit dem Fairtrade-Baumwollsiegel enthalten Rohbaumwolle, die direkt bis zum Ursprung rückverfolgbar ist. Das heißt, die fair gehandelte Baumwolle kann in jeder Phase der Produktion und Verarbeitung von konventioneller‐Baumwolle getrennt weiterverarbeitet werden.

 

  1. Wenn ich jetzt 10% mehr zahle, weil mein Baumwollshirt Fairtrade-zertifiziert ist – wie viel kommt schlussendlich bei dem Produzenten an?

Antwort: Leider kann man vom Endverkaufspreis nicht auf den Einkaufspreis im Ursprung zurückschließen, da sehr viele Akteure in der Kette beteiligt sind. Wenn das Kleidungsstück das Fairtrade-Siegel für Baumwolle trägt, ist sichergestellt, dass Kleinbäuerinnen und -bauern für ihre Baumwolle den Fairtrade-Mindestpreis und eine Fairtrade-Prämie für Gemeinschaftsprojekte ausgezahlt bekommen. Der Fairtrade-Mindestpreis schützt die Kleinbauern vor wiederkehrenden Preisschwankungen und ermöglicht eine nachhaltige Produktion.

Im Allgemeinen gestaltet jedes Textilunternehmen die Preise für seine Textilien ganz individuell. Fairtrade hat darauf keinen Einfluss. Unsere Partner bestätigen immer wieder, dass die Fairtrade-Prämie nur eine Komponente neben sehr vielen anderen in der Preisbildung ist. Bei optimalen logistischen und vertraglichen Voraussetzungen zwischen Hersteller und Händler ist eine fairere Preisgestaltung durchaus machbar. Es kommt dabei natürlich auf die Absatzmengen und die Nachfrage an. Insgesamt ziehen wir eine positive Bilanz, da das Thema nachhaltige Mode immer mehr an Bedeutung gewinnt.

** Ich bedanke mich sehr herzlich für die freundliche und transparente Zusammenarbeit **
Posted by:franzi slows down

Textile Engineering and Sustainable Blogging with focus on slow fashion

2 Antworten auf „Das mit den textilen Fairtrade Siegeln – ein Interview

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