Das Auto vor uns hat das Nummernschild: UL LY 113.
Meine Gedanken verlieren sich in Spekulationen über den Besitzer des Caprios. Eine Person die von Befreundeten Personen Ully gerufen wird und am 11. März zum ersten mal das Licht der Welt erblickt hat? Dieser Ully oder auch diese, könnte ein Mensch sein mit einem Charakter, der von allen geliebt wird, bewundert. Vielleicht ist sie oder er aber auch ein , in sich gekehrter Eigenbrötler, darauf bedacht, möglichst wenig Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen.
Die Person hat vielleicht eine Reise von Ulm nach Lyon in genau 113 Tagen vor. Die Person könnte
überall auf der Reiseroute an beliebigen Orten haltmachen und einfach alles dem Zufall überlassen.
Sie könnte aber auch diese Reise bis auf winzigste Detail durchgeplant haben ,damit alles perfekt läuft.
Caspers raue Stimme begleitet meine Gedanken:
Alles wird perfekt so perfekt!
Aber vielleicht sind die Ziffern auch einfach nur ein ,durch Zufall zusammengestelltes Buchstaben und Zahlenspiel, welches als trockenes Erkennungsmerkmal dient.
Regentropfen suchen sich langsam und bestimmt ihren Weg die Autofensterscheibe hinunter. Wenn zwei kleine Wasserbahnen sich treffen schließen sie sich zu einem Fluss zusammen, der dann letztendlich am Ende der Fensterscheibe versiegt. Immer wieder neue Flüsse suchen sich ihren Weg die Fensterscheibe hinunter. Immer schneller und energischer klopfen die Regentropfen gegen das Glas, und scheinen alles weg waschen zu wollen.
Die vorbeiziehende norditalienische Alpenlandschaft verschwimmt hinter einem Vorhang fallender Tropfen. Ich hoffe, dass sie nie aufhören werden zu fallen. So gleichmäßig und wunderschön.
Die blitzschnellen und wundersamen Flüsse an der Fensterscheibe ziehen mich in ihren Bann. Eine lächelnde Großaufnahme deiner Schneidezähne erscheint blass. So siehst du am schönsten aus, wenn du glücklich bist. Dieser winzige einzigartige Moment, den man am liebsten in ein Marmeladenglas fangen und für alle Ewigkeit behalten würde.
Auf die Frage nach einem meiner besondersten und wichtigsten Dinge würde ich: „ein Marmeladenglas.“ antworten und den verwirrten Blick des Fragenden genießen.
Die Regentropfen lassen voll Ehrgeiz dein Bild langsam verschwinden und mich wieder in einem verregneten Norditalien aufwachen. Der Regen hat die Mediterrane Schönheit abgewaschen,weg gewaschen. An ihrer Stelle erblicke ich Holzblockhäuser und tannengrüne düstere Wälder. Die Landschaft legt leise aber unaufhörlich ihre dolce vita Tarnung ab, und die deutsche Realität wird mir vor den Kopf gestoßen. Merkwürdig, was Landschaften und die dazugehörigen Gedanken, Stimmung alles ausmachen können.
Plötzlich laufe ich über karge Hügel. Der Wind macht sich einen Spaß daraus meine Locken tanzen zu lassen, mit ihnen zu spielen und sie mir ständig in s Gesicht zu werfen. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Du stehst da oben auf dem Hügel, stehst einfach nur da und ich weiß, dass deine Gedanken von der gleichen Melancholie begleitet sind wie die meinen. Ich weiß nicht ob du mich bemerkst, denn deine Gedanken sind wo anders, ganz weit weg. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Dich da so stehen zu sehen haut mich um. Eine Wand von Realität.
Ich laufe weiter immer weiter, der Hügel scheint näher zu kommen und wehrt sich dennoch gegen meinen Ehrgeiz ihn zu erklimmen. Es ist wie immer, denke ich mir, ich bin kurz vor dem Ziel, das doch so weit weg scheint.
Du stehst da, und ich nun auch. Der nächste Windhauch lässt mich ins Gras fallen. Merkwürdig wie weich Gras sein kann, das so stoppelig und hart aussieht. Ich betrachte den Himmel und strecke beide Arme von mir. Grasstoppel bohren sich sanft in meine Unterarme. Der unangenehme Schmerz, der sonst so stört, ist plötzlich Nebensächlichkeit. Ich betrachte das verwaschene Blau des Himmels, und stell mir vor wie es ist, die Augen zu schließen und auf einem anderen Planeten aufzuwachen. Kürzlich habe ich einen Artikel über einen Erdähnlichen Planeten in der Zeitung gelesen. Er soll mit Lava bedeckt sein und für die Reise würde man 100 000 Jahre benötigen. Mehr habe ich nicht lesen können, weil ich dann meine Zunge an dem viel zu heißen Cappuccino verbrannt und den Artikel weggelegt habe, um fluchend mit einem mit eiskaltem Wasser gefüllten Glas, den Schmerz zu bändigen.
Die Symphonie von Grashalmen, dem unendlichen Himmel und meinen Gedanken gefällt mir. Ein einzelner Regentropfen der sich langsam den Weg auf meiner Stirn Richtung Ohr sucht lässt mich zusammenzucken und erinnert mich an dich.
Als ich mich langsam aufrichte und meinen Blick auf den Hügel richte, bist du verschwunden. Ich beginne zu rennen, immer schneller. Mein Muskeln beginnen stark und unaufhörlich zu brennen. Ein beißender Schmerz breitet sich aus.
Mit 10 Jahren habe ich gelegentlich an Leichtathletik Wettkämpfen teilgenommen. Beim Sprint hat mir dann eine Teilnehmerin erzählt, dass, wenn sie diesen Schmerz in den Oberschenkelmuskeln spürt, nur noch davor weglaufen will. Ihr Geheimnis für eine unglaubliche Schnelligkeit.
Meine Gesichtszüge projizieren ein Lächeln. Erinnerungen sind etwas schönes. Es müssen nur Kleinigkeiten sein, wie die Anfangstöne eines Liedes, mit denen so viele Emotionen und Gedanken verbunden sind.
Doch, denke ich mir, funktioniert diese Taktik, jener einen Teilnehmerin, nur mit Ehrgeiz. Ehrgeiz etwas zu erreichen. Ehrgeiz den Schmerz zu besiegen. Ehrgeiz nicht einfach aufzuhören sondern immer an das Beste zu denken.
Immer an das Beste denken, immer an das Beste glauben..
Das Caprio vor uns ist marinoblau. So wie der See in dem wir gebadet haben. Ich habe mich einmal einfach ins Wasser gelegt. Auf dem Rücken, aber so,dass mein Gesicht noch die Luft spürt und die Ohren unter Wasser sind. Es ist ein merkwürdiges Gefühl da unten. Man hört alles nur gedämpft. So realitätslos. Man hört sein eigenes Herz laut, deutlich, jeden Herzschlag. Das Gefühl macht süchtig, ich versuche zu verstehen. Versuche einfach mir vorzustellen wie das alles ist. Das Date mit meinem deutlichen Herzschlag unter Wasser hat mir für einen winzigen Moment, das Gefühl gegeben verstehen zu können.
Aber was ist schon das, Verständnis. Wie kann man jemanden verstehen, wenn man nicht die identischen Gefühle in einem identischen Moment hat?
Schlammspritzer zeichnen Muster auf das marinoblau des Caprios. Niemand ist perfekt. Selbst das teuerste Auto, kann Schmutz abbekommen.
Du bist erst recht nicht perfekt. Perfekt unperfekt bist du. Aber macht nicht erst das einen Menschen schön. Ist das nicht Liebe, den anderen für seine Fehler, Macken und eben diese Schlammspritzer zu lieben? Man fasst diese Worte, Buchstabenkombinationen immer gleich so negativ auf. Doch können sie auch positiv sein.
Kunst vom Leben gezeichnet, das sind wir alle. Das ist auch gut so, wie schlimm wäre es wenn jeder gleich wäre. Welcher Künstler, würde schon den Enthusiasmus aufbringen immer ein Motiv gleich zu interpretieren? Nein, der Künstler Leben, interpretiert jeden Menschen neu auf seine einzigartig unvergleichbare Art.
Mein Blick wandert nach draußen. Es ist dunkel geworden. Die roten Bremslichter der Autos bieten ein beinahe hypnotisierendes Farbenspiel.
Mein Mp3player spielt verrückt. Er ignoriert Casper und plötzlich dröhnt Diamonds von Rihanna in meinen Ohren.
Es scheint mir als würde ich langsam aber dann immer intensiver die Bässe spüren, den Takt der Musik, die Lichter die meinen Körper streifen. Wie von alleine bewegen sich meine Beine, Arme, mein Kopf. Mein ganzer Körper im Einklang mit der Musik. Tanzen ist Träumen auf Beinen. Zumindest für mich. Wie ein Wasserfall von Glücksgefühlen,ist es, der über deinen Körper strömt. Du fühlst dich betrunken, auf eine eigenartig nüchterne Art.
Alles legst du in deine Körpersprache. Wut wandelt sich in Gleichgültigkeit, Sorgen scheinen mit dem künstlichen Nebel fortgetragen zu werden, Zufriedenheit lässt deinen Körper strahlen, von ganz innen heraus und deine Gesichtsmuskeln können gar nicht anders als zu lächeln.
Du bist hier. Da neben mir. Jeder umgeben von einer Aura aus Tönen. Das ist gut so. Wir verlieren uns in der Musik ,in der Situation,im Leben.
you and I, we´re beautiful like Diamonds in the sky“
Wir sind schön, jeder ist schön. Aber nicht auf dieselbe Art wie eine Miss Universum oder eines der unterernährten Mannequins die bei Victoria Secret über den Laufsteg staksen.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Ein Mensch mag noch ein so wunderschönes Gesicht haben, noch so einen perfekt geformten Körper. Aber schön ist dieser Mensch erst wenn er Ausstrahlung hat. Wenn er von ganz innen heraus strahlt. Zufriedenheit, Zuversicht.
Ein deutscher Photograph hat eineiige Zwillinge, Drillinge und Vierlinge in den USA photographiert.
Porträts hat er von jedem einzelnen geschossen und die Geschwister neben einander in einem Buch abgedruckt.
Die Gene eines Geschwisterpaares sind alle gleich, doch konnte man diese eigentlich identischen Gesichter unterscheiden. Da gab es zwei ältere Damen, ich denke mitte 60.
Die Linke hatte ein entspanntes Gesicht, sie schien glücklich zu wirken, zufrieden. Kleine Lachfältchen zeichneten sich um ihre Augen, ihre Mundwinkel ab.
Die Rechte hatte eine steile Stirnfalte, ja ihr ganzes Gesicht wirkte verspannt. Ein Gesichtsausdruck kann die ganze Lebensgeschichte eines Menschen erzählen. Und damit meine ich nicht die Maske, die so mancher aufsetzt wenn der das Haus verlässt.
Der Kaffee der kleinen Autobahnraststätte ist heiß und viel zu bitter auf der Zunge.
Selbst der Zucker aus den IKEA-zuckerstreuern kann ihn nicht genießbar zaubern.
Gedankenlos rühre ich kleine Strudel in das schwarze Getränk und blicke auf einen der Flachbildschirme, die an den Wänden hier befestigt sind.
Es laufen Werbespots.
Der hier ist ein stummer Schwarzweißfilm. Retro. Werbung für ein Auto.
Dieses Gefühl, der Zuschauer seines eigenen Filmes zu sein. Das gibt es, hat man oft. Ich zumindest. Es ist wie in Homo Faber. Am Schluss, da sagt er das auch. Der Leser hat das Gefühl er liest einen völlig emotionslosen, merkwürdig farblosen Text. Man überfliegt mehr als dass man liest. Wie eine endlose Autofahrt mit geöffnetem Fenster. Man hält die Arme aus dem Fenster, die Haare fliegen im Wind. Man schaut nach draußen, alles zieht vorbei, und du kannst nicht anhalten.
Wir sind bald da. Daheim. Das marinoblaue Caprio mit dem Kennzeichen UL LY 113 haben wir auf der Fahrt verloren. Es ist an einer Kreuzung abgebogen.
Man gewinnt Menschen für sich, freundet sich mit ihnen an. Vielleicht gibt es da dann auch den Punkt, an dem man sich dem anderen öffnet. Doch dann ,irgendwann, kommt der Punkt, an dem man sich aus den Augen verliert. Man gelangt an eine Kreuzung an der der eine nach links und der andere nach rechts abbiegst. Und dann wenn man auf dem Weg nach rechts läuft überlegt man sich, warum man eigentlich so viel Zeit mit der andern Person verbracht hat, vertraut hat, wenn man doch jetzt wieder alleine läuft, auf der Suche nach einem neuen Begleiter.
Das muss nicht passieren. Diese Kreuzung muss nicht kommen, nicht immer.
Die Kaffeetasse lehrt sich, die schwarze klebrig Süße Flüssigkeit rinnt meine Speiseröhre hinunter, die Autoraststätten Tür schlägt zu, die Autotüre öffnet sich, ich sitze wieder. Das monotone Geräusch des Motors macht meine Augenlider schwer. Schließlich gewinnen sie den Kampf und ich falle in einen traumlosen Schlaf.
Die stille weckt mich. Ich wundere mich warum ich aufgewacht bin, dann kommt es mir. Das monotone Motorengeräusch ist nicht mehr zu hören. Wir sind daheim.
Ich weiß, dass du hier bist. Ich spüre es. Als ich endlich die Autotüre auf bekommen habe sehe ich dich. Du stehst da mit dem Rücken zu mir. Ich mache ein paar unsichere Schritte auf meinen ,von der langen Fahrt ermüdeten Beine. Da drehst du dich um, uns es wirkt so wunderschön fließend und elegant, dass ich es kaum glauben kann. Schwerelos und doch so ungewollt und nebensächlich.
Deine Arme um meinen Körper. Mein Kopf scheint sich in deinen Schulter vergraben zu wollen.
Du bist hier“
Ja“