„Das Problem ist“, sagte sie und nahm einen Schluck ihres Cappuccinos aus der weißen Porzellantasse mit den zarten Blumenmustern, „ dass heutzutage – in unserer Gesellschaft – jeder so eine unheimlich ermüdende Einzigartigkeit vorgaukelt. Jeder will provozieren, sich die Haare bunt färben, von der Masse sich abheben. Dabei schwimmen doch alle im gleichen Strom.“
Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster und fuhr sich beifällig durch ihr Haar. Fast unscheinbar, so dass ihr eine Haarsträne ins Gesicht fiel. Es störte sie nicht.
„Man braucht nur die Leute zu beobachten, wie hier in so einem Kaffee. Schauen sie nach draußen. Nur noch die wenigsten sind in irgendeiner Art und Weise Individuell. Alle sehen gleich aus. Tragen eine Einheitsuniform, geschneidert von den Konfektionsketten und scheinbaren Trends unserer Zeit.
 Und das ist ja das Paradoxe daran, denn jeder will doch eigentlich so „ anders“ sein. Jeder will die Meinung der anderen „Ignorieren“ und das am besten mit irgendwelchen sinnlos poetischen Sprüchen der ganzen Welt kundtun. Das zeigt sich doch auch nicht nur im Aussehen.
Früher wurde in einem Kaffee geklatscht, gelacht, das Neuste ausgetauscht. Und jetzt – schauen sie sich um. Das Neuste weiß man schon diversen sozialen Netzwerken, anstatt sich mit dem Gegenüber zu unterhalten, bevorzugt man lieber sein Smartphone. Klar die Medienwelt ist ein Teil von uns geworden –übertrieben gesagt- aber muss man dies denn so ausreizen? “
Sie strich die Haarsträne, welche immer noch ihre Meerblauen Augen umstrich, hinter die Ohren. Bückte sich und nahm eine Packung Zigaretten aus ihrer braunen Ledertasche. Sie klappte den Deckel der Schachtel auf und steckte sich eine Kippe zwischen die Lippen. Nachdem sie, sie angezündet hatte und einmal daran gezogen hatte, nahm sie die Kippe zwischen die Finger. Man konnte einen kleinen zartrosé Abdruck ihres Lippenstiftes an dem Papier erkennen. Es gibt nicht viele Menschen, aber ihr stand diese Droge hervorragend.
„Es ist unwichtig geworden wer man ist sondern wichtig mit Wem man befreundet ist, wie viele Freunde man hat und was man trägt. Ich schließ mich da nicht aus.“
Sie nahm einen Schluck des Cappuccinos und zog an ihrer Zigarette.
„ Ich mein wir sind doch alle gleich gestrickt. Aber sollte man sich da nicht selbst kritisch betrachten? Versuchen etwas zu ändern. Versuchen mehr Individuell, mehr sich selbst zu sein, anstatt das zu verkörpern, was die Gesellschaft sehen will.“
Sonnenstrahlen wanderten durch den Raum und spielten mit dem feinen Staub in der Luft. Für einen kurzen Moment war sie abwesend, vollkommen in das tanzende Schauspiel vertieft.
„Wie oft hört man, dass die Zahl an Jugendlichen mit psychischen Problemen steigt. Ihr Erwachsenen bekommt das ja nicht mit. Seid verbissen in euer Vorurteil  „ Die Jugend von heute“. Das scheint alles zu erklären.“
Sie nahm einen tiefen Zug ihrer Zigarette und blies den Rauch in den tanzenden Staub.
„ Sokrates, der lebte 469-399 vor Christus. Eins seiner Zitate ist:“ Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihr Lehrer.“
Sie machte eine Pause um den Worten Wirkung zu verleihen. Wolken hatten die Sonne verdrängt und ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt.
„ Wie hektisch Menschen werden wenn es regnet.“
Bemerkte sie Gedanken verloren.
„ Was ich mit diesem Zitat sagen will ist, jede neue Generation hat ihre Macken. Und das war schon immer so.
Eigentlich sollte man sich doch eher die Frage stellen, warum sich immer mehr Jugendlich verletzten, erbrechen was sie essen. Ich kann da nicht mitreden, kenn das Gefühl nicht. Ich will auch keine allgemeine These aufstellen. Nur denke ich, dass der Druck ein Idealbild zu verkörpern, gestiegen ist. Überall sind die Menschen schlank und hübsch, leben in einer perfekten Welt. Scheinbar.“
Sie drückte die Zigarette in dem Aschenbecher aus und widmete sich ihrem, inzwischen kalt gewordenen Cappuccino.
„Das Problem ist, alles ist nur noch fiktiv. Alles. Das ist wie eine Diktatur für jeden. Einem wird solange vorgegaukelt etwas sein oder haben zu müssen bis man das gar nicht mehr in Frage stellt sondern mechanisch –wie ein Roboter- reagiert, es umsetzt bzw. dies versucht. Wer nicht funktioniert, der wird überrannt.
Manchmal, da ist es so, als würde man in einem Unwetter stehen. Tausend winzige Hagelkörner, die auf einen Eintrommeln. Was kannst du? Was hast du schon alles gemacht? Was planst du für deine Zukunft? Was willst du nach der Schule machen? Hast du einen konkreten Plan?
Reicht es nicht in schriftlichen Ausführungen einen roten Faden zu haben? Warum muss denn auch immer das Leben einen roten Faden haben?  Kann man  sich nicht einfach gehen lassen, diesen Faden verlieren, die Farbe wechseln.“
Plötzlich blickte sie auf ihre Armbanduhr. Ein geflochtenes Lederband und ein silbernes Gehäuse. Das Ziffernblatt war mit römischen Ziffern besetzt.
„Oh schon so spät? Ich muss gehen.“
Ein Griff nach ihrer Tasche, etwas Geld auf den Tisch gelegt-
dann setzte sich hastig neben mich. Das Foto, welches sie von uns schoss lud sie auf Instagram hoch und verschwand im Nieselregen.